Drykorn-Chef Marco Götz über neue Märkte, lässige Konfektion und die neue Doppelspitze
Finanzkrise, Pandemie, geopolitische Verwerfungen – für Marco Götz ist der Ausnahmezustand der Normalfall. Entsprechend gelassen blickt der Drykorn-Gründer auf ein erstes Halbjahr, das dem Kitzinger Label mit der Wormland-Insolvenz einen spürbaren Ausfall im Herrenbereich bescherte.
Im Interview mit FashionUnited spricht Götz über wachsende Auslandsmärkte, den Wandel in der Konfektion und die neue Doppelspitze mit Co-CEO Marino Edelmann.
Herr Götz, wie verlief das erste Halbjahr für Drykorn?
Stabil. Mit Wormland hatten wir eine große Insolvenz bei einem unserer Kunden. Das hat den Herrenbereich etwas in Dysbalance gebracht und es dadurch anstrengender gemacht. Das haben wir inzwischen aber kompensiert und werden es durch die Erweiterung der Auslandsmärkte weiter verbessern. Im Damenbereich verzeichnen wir nach wie vor gute Zuwächse.
Auf welche Märkte fokussieren Sie sich da?
Aktuell sind wir vor allem in Mitteleuropa aktiv. Vor zwei Jahren haben wir Spanien und Griechenland neu dazugenommen, die sich sehr positiv entwickeln. Insgesamt läuft alles im Bereich der Resort- und Urlaubsstandorte extrem gut – Mallorca, Ibiza, die spanische Küste oder auch die Skigebiete.
Warum entwickeln sich gerade diese Urlaubsregionen so gut?
Dort stellen wir ein anderes Einkaufsverhalten fest. An diesen Resort-Standorten geht es um Ready-to-wear: Die Kundschaft kann es gleich anziehen, es wird nicht auf Vorrat gekauft.
Der High-Fashion-Part der Kollektion wird dadurch nicht automatisch mitverkauft. Es geht eher darum, dass die Kundschaft etwas für den Urlaub vergessen hat oder noch etwas sucht, das zum Wetter passt.
Welche Stücke laufen denn aktuell gut bei Drykorn?
Hosen und Strick laufen nach wie vor, im Damen- wie im Herrenbereich. Bei der Konfektion sind wir bei den Männern gerade im Umbruch: Wir haben keinen schmalen Anzug mehr in der Kollektion und gehen auf „loose“ und lässig. Bis das wirklich kommerziell ist, wird es aber noch eine Zeit dauern.
Welche Themen beschäftigen Ihre Handelspartner:innen aktuell?
Das Thema Liefertermine ist ein Klassiker. Wann lieferst du was aus? Damit beschäftigen wir uns seit 25 Jahren und es ist immer verbesserungswürdig, weil wir stets auf die Informationen der vergangenen Saisons reagieren. Hinzu kommen unterschiedliche Wetterlagen und geopolitische Rahmenbedingungen, die eine gewisse Preissensibilität nach sich ziehen.
Die Themen sind also nicht wirklich anders als in den vergangenen Jahren, aber es ist auch nicht schlechter geworden. Es gibt immer ein paar Diskussionspunkte, an denen man sich aufhängt. Angesichts dessen, was draußen in der Welt passiert, ist die Lage eigentlich stabil.
Ist dieser Umgang mit der Krisenstimmung für Sie auch so ein bisschen das „New Normal“?
„New Normal“ hat für mich vor 30 Jahren angefangen, als ich in der Branche gestartet bin. Schon damals war es herausfordernd und alle haben gesagt: „Mach was anderes, geh bloß nicht in die Branche.“ Zwischenzeitlich gab es alles Mögliche – von 9/11 über die Finanzkrise bis zu Brexit, Trump, Corona und dem Krieg in der Ukraine. Es gibt immer irgendetwas.
Normalität ist, dass immer etwas passiert, das man nicht vorhersieht. Es gibt viele unterschiedliche Einflüsse, die die Situation immer wieder zu einer Herausforderung machen – aber genau das ist das Normale. Vielleicht gibt es mal eine kurze Phase, in der nichts passiert, aber die hält meist nicht lange an.
Seit Juni ist Marino Edelmann Co-CEO bei Drykorn. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Diese Überlegung habe ich schon vor längerer Zeit angestellt, weil meine Aufgabenbereiche einfach zu divers geworden sind. Vor zehn Jahren war die Struktur noch klarer: Es gab Produkt, Vertrieb, Personal und Produktion. Mittlerweile kommen Bereiche wie Technik und Unternehmensentwicklung hinzu, und auch Marketing war für uns früher gar kein Thema. Außerdem ist der Vertrieb viel vielfältiger geworden.
Früher gab es einen klaren Weg: die Kanäle über den Großhandel zu steuern. Heute kommen die eigenen Geschäfte dazu, die wir weiter forcieren werden, der E-Commerce, den wir ausbauen, und verschiedene Concessions-Modelle, die alle wieder anders sind.
Planen Sie langfristig, die Geschäftsführung weiter auszubauen?
Es ist erst mal stabil so, wie es ist. Für unsere Größe sind wir gut aufgestellt. Jetzt geht es eher um die Frage, was die neuen Ziele sind und was wir neu angehen können.
Welche sind das?
Wir haben viele Opportunitäten – auch in puncto Vertrieb, Auslandsmärkte und Expansion – nicht ergriffen, weil die Manpower gefehlt hat.
Sie haben gerade die eigenen Geschäfte angesprochen. Kürzlich eröffnete der neue Store in Düsseldorf. Wie sieht die Strategie für den Bereich aus?
Wir haben ein Store-Konzept, das wir auch in anderen Städten ausrollen werden. Aber es muss immer die richtige Gelegenheit sein. Einfach nur einen Laden aufzumachen, um einen Laden aufzumachen, ergibt schlichtweg keinen Sinn. Wir eröffnen ein Geschäft mit der Absicht, damit Geld verdienen zu können – als reinen Markenbotschafter werden wir keinen Laden eröffnen.
Wir sind an einigen anderen Standorten dran und führen in etlichen Städten gute Gespräche, aber es muss wirklich passen.
Vor einigen Jahren haben Sie mit einem Pop-up in Zürich ja auch bereits international die Fühler ausgestreckt.
Das war tatsächlich einfach eine Gelegenheit, weil ein Kunde das gemeinsam mit uns umsetzen wollte. Uns liegt viel daran, etwas zusammen mit unseren Partner:innen zu machen. Wir haben Anfragen aus dem Ausland – aus der Schweiz, Österreich und den Niederlanden. Da gibt es interessante Möglichkeiten, und das kann alles passieren.
Zum Abschluss: Wie planen Sie, das Jahr abzuschließen?
Wir planen Zuwächse und werden hoffentlich an einem zweistelligen Wachstum kratzen. Es kann aber auch sein, dass es einstellig bleibt. Bei Rahmenbedingungen, in denen man nicht unbedingt Vollgas gibt, wäre das in Ordnung.
Der Markt, speziell der Großhandel, ist sehr wackelig. Viele Händler:innen sind angezählt, finden aber gerade wieder Substanz. Jetzt braucht es den Mut, einen neuen oder anderen Schritt zu gehen. Deswegen gehen wir nicht total euphorisch ins nächste Jahr, aber wir werden definitiv Wachstum generieren.
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