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Das bestgehütete Geheimnis der Modebranche: Heimarbeiter:innen

Sie schneiden lose Fäden ab, nähen Knöpfe, Reißverschlüsse und Haken an und säumen Kleidungsstücke. Sie sticken und verzieren mit Perlen und Pailletten. Sie bemalen Stoffe von Hand, knüpfen Quasten und falten Kleidungsstücke für den Versand in Polybeutel. Sie übernehmen sogar Kantenfärbungen oder Ziernähte für Accessoires. Es gibt kaum eine Lieferkette in der Textil-, Bekleidungs- und Schuhindustrie, die ohne Heimarbeiter:innen (Home-based workers, HBWs) auskommt. Ihre Expertise liegt in komplizierten, zeitaufwändigen Prozessen, die schwer zu mechanisieren sind.

Genaue globale Zahlen für HBWs in der Bekleidungs-, Textil- und Schuhindustrie sind schwer zu ermitteln. Diese Arbeiter:innen sind in offiziellen nationalen Statistiken oft „unsichtbar“ und tauchen in Industrieerhebungen kaum auf. Laut WIEGO (Women in Informal Employment: Globalising and Organising) und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO, Daten von 2021/2022) könnte es weltweit 260 Millionen Heimarbeiter:innen in allen Sektoren geben.

Erfassung „vergessener“ Arbeitskräfte

Schätzungen zufolge sind in einigen Ländern bis zu 90 Prozent der Arbeitskräfte des Sektors informell tätig, die meisten davon sind Frauen. Sie arbeiten in kleinen, nicht registrierten Fabriken, von zu Hause aus oder sammeln und sortieren (Textil-)Abfälle für das Recycling. Obwohl eine einzige globale „Kopfzahl“ nur für den Bekleidungssektor nicht immer verfügbar ist, stellt WIEGO fest, dass die Bekleidungs- und Textilindustrie einer der Hauptarbeitgeber von HBWs sei. Allein in Südasien gibt es schätzungsweise 50 Millionen Heimarbeiter:innen. In Indien ergab eine Untersuchung aus dem Jahr 2012, dass 45 Prozent der 37,4 Millionen Heimarbeiter:innen des Landes in der Bekleidungs- und Textilindustrie tätig waren.

Trotz ihrer Beiträge zu den globalen Produktions- und Recyclingsystemen werden diese Arbeiter:innen bei den Due-Diligence-Bemühungen der Unternehmen nicht berücksichtigt. Marken und Einzelhandelsunternehmen behaupten möglicherweise sogar, sie nicht zu beschäftigen. Auf dem Papier mag das auch stimmen. Da die Lieferketten in der Bekleidungs- und Textilindustrie jedoch komplex und vielschichtig sein können, wissen sie vielleicht einfach nicht, dass ihre Subunternehmer:innen die genannten Aufgaben an Heimarbeiter:innen vergeben.

Die Podiumsdiskussion „The missing millions: Due diligence in informal settings” im Rahmen des Forums über die Sorgfaltspflicht im Bekleidungs- und Schuhsektor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am 11. Februar beleuchtete diese „vergessene“ Belegschaft.

Mode, insbesondere Haute Couture, ist oft auf aufwendige Stickereien angewiesen, die nur von Hand gefertigt werden können. Bild von drei Kreationen, die auf der Ausstellung „India in Fashion“ in Mumbai im Jahr 2023 gezeigt wurden. Bild zur Illustrations. Bild: Sumit Suryawanshi für FashionUnited

Gesetzliche Fortschritte und die Herausforderung der Datenerfassung

Der Minister für Arbeit und Personalwesen, Saeed Ghani, von der Regierung der pakistanischen Provinz Sindh, eröffnete die Sitzung mit einer Diskussion über das wegweisende „Sindh Home Based Workers Act“ von 2018. Es gewährt allen registrierten Heimarbeiter:innen das Recht auf alle Sozial-, Kranken- und Mutterschaftsleistungen, Entschädigungen sowie Heirats- und Sterbegelder, die Arbeiter:innen nach den geltenden Arbeitsgesetzen zustehen. Er betonte, dass die Pakistan Peoples Party zwar eine Geschichte arbeitnehmer:innenfreundlicher Gesetzgebung habe, die größte Hürde jedoch der Übergang von der Politik zur Praxis bleibe. Ghani hob die Schaffung eines dreigliedrigen Rates und die Einbeziehung von Frauen als Fürsprecherinnen in die Verwaltung der sozialen Sicherheit hervor. Dies solle sicherstellen, dass diejenigen am unteren Ende der Pyramide endlich einen Platz am Tisch haben. Inzwischen gibt es auch zehn HBW-Gewerkschaften und zwei Verbände.

Um die Lücke zwischen Gesetzgebung und Realität zu schließen, führte die Regierung von Sindh eine digitale „Labour Card“ ein, mit der sich Arbeiternehmende unabhängig von ihren Arbeitgeber:innen registrieren können. Diese Initiative wurde durch die Covid-19-Pandemie angestoßen, die einen völligen Mangel an Daten für Geldtransfers an informelle Arbeiter:innen aufdeckte. „Indem wir diese Hürde der Arbeitgebendenbescheinigung beseitigen, ermöglichen wir es ihnen, sich bei der Regierung registrieren zu lassen und die Leistungen der Sozialversicherung in Anspruch zu nehmen“, so Ghani. Obwohl die Zahl der ausgestellten Karten mit 150.000 noch gering ist, ist der Minister zuversichtlich, dass es in Zukunft Millionen sein werden. „Hoffentlich wird es in den nächsten Jahren möglich sein zu behaupten, dass wir eine genauere Zahl registrierter Arbeiter:innen haben.“

Globale Due-Diligence-Trends — die sich wandelnde Regulierungslandschaft

Alison Corkery, Leiterin des Rechtsprogramms bei WIEGO, gab einen globalen Überblick und identifizierte vier Trends, die die Due-Diligence-Landschaft prägen. Erstens stellte sie eine wachsende Klarheit darüber fest, wie internationale Arbeitsnormen für alle Arbeiter:innen unabhängig von ihrem Status gelten. Zweitens betonte sie, dass neue EU-Verordnungen wie etwa die Europäische Lieferkettenrichtlinie Marken dazu drängen, über ihre direkten Lieferbetriebe hinauszuschauen. Drittens ist dieser Wandel unerlässlich, da sich Lieferketten in Richtung Kreislaufwirtschaft bewegen und die Handelspolitik beginnt, diese Erwartungen zu untermauern. Viertens beobachten Regierungen eine Formalisierung des informellen Sektors.

Obwohl die Handelspolitik den Marktzugang zunehmend an Arbeitsnormen knüpft und so wirtschaftliche Anreize für eine Formalisierung schafft, warnte Corkery, dass rechtliche Anerkennung nicht immer gleichbedeutend mit Schutz sei. „Wir erwarten, dass diese Dynamik rund um die Ratifizierung von Verträgen und Due-Diligence-Gesetzen...steigende Erwartungen an Marken signalisiert. Für diejenigen, die proaktiv handeln, ist dieser Wandel eine Chance, eine Führungsrolle aufzubauen“, erklärte sie.

Was verdienen Heimarbeiter:innen in der Bekleidungsindustrie?

Ausbeutung ist in diesem „unsichtbaren“ Teil der Lieferkette weit verbreitet. Diese im Akkord arbeitenden Subunternehmer:innen stehen ganz am Ende der Lieferkette. Sie haben keinen Anspruch auf Urlaub, Krankengeld, Beschwerdemechanismen, Gesundheitsversorgung, Sozialleistungen oder ein Sicherheitsnetz. Die Löhne liegen daher weit unter dem oft ohnehin schon niedrigen Mindestlohn. In Indien beispielsweise können Arbeiter:innen für einfache Tätigkeiten wie das Abschneiden von Fäden oder das Annähen von Knöpfen zwischen zwei und sechs Rupien (zwischen 0,02 und 0,06 Euro) pro Stück verdienen. Hochwertige Handstickereien wie Zari oder Zardozi werden zwar besser bezahlt, mit etwa 100 bis 300 Rupien (etwa 1 bis 3 Euro) pro Stück, die Fertigstellung dieser Artikel kann jedoch mehrere Tage intensiver Arbeit in Anspruch nehmen. Es ist daher nicht ungewöhnlich, dass eine Heimarbeiter:in für einen vollen Acht-Stunden-Arbeitstag umgerechnet etwa 0,37 bis 1,39 Euro verdient.

In Bangladesch verdienen HBWs oft weniger als die Hälfte des gesetzlichen Mindestlohns in Fabriken von 113 US-Dollar (95 Euro), da sie nur für die fertiggestellte Arbeit bezahlt werden. In Vietnam verdienen sie in der Regel 30 bis 50 Prozent des durchschnittlichen Monatslohns für Arbeiter:innen in der Bekleidungs- und Textilindustrie. Dieser lag im Jahr 2025 bei etwa 163 US-Dollar. (Alle Zahlen basieren auf Daten von WIEGO, ILO und Fashion Revolution).

In Osteuropa erhalten Heimarbeiter:innen in der Bekleidungsindustrie ebenfalls Stücklöhne. Dies führt zu einem monatlichen Nettoeinkommen von zwischen 230 bis 325 Euro. Dies liegt deutlich unter dem monatlichen Bruttomindestlohn, der laut Eurostat-Daten in Rumänien 814 Euro und in Bulgarien 551 Euro beträgt.

Unsichtbarkeit und geschlechtsspezifische Natur der Arbeit — fließender Übergang zwischen Heim und Fabrik

Janhavi Dave, Beraterin beim Heimarbeitenden-Netzwerk HomeNet International, machte auf die 49 Millionen Heimarbeiter:innen in globalen Lieferketten aufmerksam, von denen die meisten Frauen sind. Sie beschrieb eine „Fluidität“, bei der Frauen je nach Lebensphase, wie zum Beispiel dem Bedarf an Kinderbetreuung, zwischen Fabrikarbeit und Heimarbeit wechselten. Dieser Wechsel macht sie für Standard-Prüfungsinstrumente oft unsichtbar und lässt sie ohne Verträge, Mindestlöhne oder soziale Absicherung zurück.

Eine aktuelle Studie von HomeNet an zwölf Standorten ergab ein alarmierendes Ausmaß an Prekarität, einschließlich Fällen von Hunger unter den Kindern der Arbeiter:innen. Dave betonte, dass diese Arbeiter:innen ein struktureller, aber nicht anerkannter Teil der Branche seien. „Heimarbeiter:innen stehen im Grunde am unteren Ende der Produktionskette... sie wussten nicht, für welche Marken sie produzierten und waren daher nicht Teil des Due-Diligence-Prozesses der Unternehmen“, erklärte sie.

Gesundheitsrisiken auf der Mülldeponie — Müllsammler:innen und die Risiken der Kreislaufwirtschaft

Während Marken nach „recycelten“ Fasern verlangen, die oft aus Abfällen außerhalb der Textilkette wie Plastik hergestellt werden, schilderte Gisore Nyabuti die erschütternde Realität derjenigen, die diese Materialien sammeln. Er selbst begann im Alter von neun Jahren auf Ermutigung seiner Mutter mit dem Sammeln von Abfällen. Er beschrieb einen Sektor voller Gesundheitsrisiken, einschließlich chemischer Dämpfe und einem völligen Mangel an Impfungen oder Schutzausrüstung. Er merkte an, dass Marken zwar „saubere Schönheit“ in ihren recycelten Kunststoffen wollen, sich aber selten nach den Menschen erkundigen, die sie beschaffen.

Nyabuti erkannte früh, dass in der Einheit Stärke liegt, und trat der Kenya National Waste Pickers Welfare Organisation als deren Vorsitzender bei, die heute 46.000 Müllsammler:innen erreicht. Er hob den täglichen Kampf um Würde hervor und erklärte: „In die Viertel der Mittelschicht und reiche Gegenden dürfen Müllsammler:innen nicht hinein, um die Wertstoffe zu holen, sie werden schief angesehen...'Müllsammlende sind keine sauberen Person'.“ Nyabuti äußerte die Sorge, dass politische Ansätze wie die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) genau die Arbeiter:innen ausschließen könnten, auf die sie angewiesen sind, wenn sie nicht mit einer menschlichen Perspektive gestaltet werden. „Im Moment scheint es etwas einseitig zu sein, aber wenn es gut gemacht wird, wird es die Arbeiter:innen stärken“, betonte er.

Jenseits der Fabrikhalle — Markenverantwortung und die Macht der Transparenz

Francesca Mangano, Leiterin für CSR und Nachhaltigkeit beim britischen Bekleidungsanbieter TFG Brands London, stellte einen fortschrittlichen Unternehmensansatz vor. Sie erklärte, wie ihr Unternehmen, zu dem Marken wie White Stuff und Hobbs London gehören, über einen einfachen Verhaltenskodex hinausging und eine spezielle Richtlinie für Heimarbeiter:innen einführte. In der Erkenntnis, dass hochwertige, verzierte Kleidungsstücke nicht maschinell hergestellt werden können, versuchte sie, Heimarbeiter:innen zu entstigmatisieren und sie als „erweiterten Zweig der Familie“ zu behandeln, anstatt als ein zu verbergendes Risiko.

Manganos Besuch in ländlichen Gemeinden in Sikandarbad bei Delhi, Indien, veränderte den Ansatz der Marke. Er zeigte, wie sich Einkaufspraktiken – wie die Kostenkalkulation nur für kleine Größen – direkt auf die Lebensgrundlage der Arbeiter:innen auswirkten. Sie plädierte für eine Abkehr von westlich geprägten Sicherheitsanforderungen und dafür, auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Arbeiter:innen zu hören, wie batteriebetriebene Lampen oder Ärzt:innen. „Diese Richtlinie war ein Mittel, um das Gespräch in Gang zu bringen und unseren Lieferant:innen das Gefühl zu geben, dass wir die Anwesenheit von Heimarbeiter:innen in unserer Lieferkette begrüßen“, bemerkte sie.

Auf die Frage, wo Marken anfangen können, betonte sie „kleine Schritte“. „Führen Sie ein Gespräch mit Ihren Lieferant:innen“, forderte sie und fügte hinzu: „Was Sie vorfinden werden, ist kein schönes Bild“. Dies werde jedoch zu Fortschritten führen, indem man die Zwischenhändler:innen verstehe und vermittele, dass die Marke Heimarbeiter:innen willkommen heiße. Zu den Herausforderungen, die noch zu diskutieren sind, gehören Stücklöhne, gewerkschaftliche Organisierung und der Umgang mit Krisen wie Covid-19.

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