Coronavirus-Lockdown: Die Modebranche im Ausnahmezustand

Am Montag kam die Nachricht, dass alle Bekleidungsgeschäfte in Deutschland mindestens bis Mitte April schließen müssen. Seitdem dreht sich alles um eine Frage: Wer trägt die Kosten der Umsatzeinbußen? Die Telefone standen kaum still als Modehändler und Lieferanten diese Woche miteinander um Zugeständnisse rangen. Die kommenden Tage werden erst zeigen, ob und welche Lösungen es in dieser noch nie dagewesenen Lage in der Bundesrepublik geben wird.

Umsatzeinbrüche und mögliche Insolvenzen

In dieser Woche haben Bund und Länder drastischere Maßnahmen beschlossen, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus einzudämmen, die nun bis zu Ausgangssperren in den ersten Bundesländern reichen. Geschäfte, die nicht der Grundversorgung von Menschen dienen, müssen schließen - und das bis mindestens Mitte April, wenn sich die Verbreitung von Covid-19 bis dahin stabilisiert.

Die Zwangsschließungen von Geschäften führen deutschlandweit zu einem Umsatzausfall von rund 1,15 Milliarden Euro pro Tag oder etwa sieben Milliarden Euro pro Woche, schätzt der Handelsverband Deutschland. Für den stationären Modehandel könnten damit 890 Millionen Euro pro Woche wegbrechen, erwartet Kreditversicherer Euler Hermes. Das gibt ein Gefühl für die Summen, um die derzeit in der Modebranche gerungen werden. Und zu den sicheren Ausfällen kommt dazu, dass Modehändler schon vor dem Lockdown an sinkenden Umsätzen litten. Die zunehmende Ausbreitung des Coronavirus drückte bereits vorher auf die Konsumlaune der Verbraucher.

Auch Onlinehändler blieben von den Rückgängen nicht verschont. Eine Befragung unter 135 Unternehmen durch den Bundesverband E-Commerce und Versandhandel e.V (Bevh) ergab, dass 77 Prozent der teilnehmenden Onlinehändler mit sinkenden Erträgen rechnen. Dieser Trend geht auch an Internet-Modehändlern wie Zalando nicht vorbei. “Seit den Einschränkungen des öffentlichen Lebens stellen wir negative Auswirkungen in Form von geringerer Nachfrage in den betroffenen Gebieten fest”, sagte eine Sprecherin der Berliner Plattform am Freitag per E-Mail.

Unternehmen von Esprit, Hugo Boss bis Adler Modemärkte haben seit Montag ihre Geschäftsprognosen zurückgenommen. Einen neuen Ausblick wagen die Unternehmen wegen der sich rasch verändernden Lage und Unsicherheit angesichts der Ausbreitung des Coronavirus nicht. Die Handelsverbände HDE, BTE wie Bevh warnen bereits vor drohenden Insolvenzen unter ihren Mitgliedern und fordern Hilfe und Entgegenkommen von Politikern, Vermietern und ihren Lieferanten, also Modemarken.

“Die allermeisten Geschäfte haben in den vergangenen Wochen hohe zweistellige Umsatzeinbußen erlitten, die bereits jetzt zu ersten Liquiditätsengpässen führen”, teilte der BTE am Mittwoch mit. “Die bereits prognostizierten oder bereits beschlossenen Geschäftsschließungen werden die Situation noch einmal erheblich verschärfen.” Die Modehändler versuchen jetzt überall Ausgaben zu senken, wobei vor allem die Themen Mieten und Lieferungen die meisten Kopfzerbrechen bereiten.

Lieferungen: Annehmen, ablehnen, stornieren?

Die einmonatige Schließung der Läden stürzt den sonst fein austarierten Rhythmus der Modebranche ins Chaos. Die Ware, die bereits in den Läden liegt, kann bis mindestens Mitte April nicht verkauft werden und dazwischen würde im Normalfall schon die Neuware angeliefert werden. Ohne Verkäufe gibt es auch keine Einnahmen, um die Lieferanten weiter zu bezahlen. Daher wandten sich mehrere Händler- Zusammenschlüsse an die Modemarken in dieser Woche.

“Falls Sie sich noch nicht selbst dazu entschieden haben, gehen wir davon aus, dass Sie die Lieferungen an unsere Modehändler sofort und kostenlos stornieren”, hieß es in einem Schreiben der Einkaufsgemeinschaft EK Service Group und Euretco, das FashionUnited vorliegt. Die Annahme der Waren sei aufgrund der zunehmenden Schließungen der Mitgliedshändler “praktisch” unmöglich, so die EK Service Group. Gleichzeitig bittet sie auch um eine Verlängerung der Zahlungsfrist um 30 Tage für ihre Mitglieder.

„Die Forderungen nach generellen Stornierungen sind nicht realistisch und nutzen mittelfristig niemanden“, sagte Gerd Oliver Seidensticker, Präsident von GermanFashion und Inhaber des gleichnamigen Bekleidungsunternehmens, in einer Mitteilung am Donnerstag. In den vergangenen Tagen hört man von vielen Stornierungen, aber damit reichen Händler ihre Probleme weiter in der Lieferkette, was wiederum die Modemarken in Bedrängnis bringt.

“Wenn alle Einzelhändler ihre Bestellungen massenhaft stornieren, was wird dann von den Marken und Lieferanten übrig bleiben, die sie hoffentlich bald wieder brauchen werden?”, fragt sich Nicole Groeneveld, Eigentümerin der Amsterdamer Marke Kyra & Ko. Aber ohne Marken und deren Lieferanten können auch Händler nicht überleben, wenn das anhalte, werde der gesamte Sektor insolvent sein, schreibt sie weiter in einer E-mail.

Aber eigentlich können die Händler nur auf Einsicht ihrer Partner hoffen, denn geordert sind die Waren meist bis einschließlich Herbst-Winter 2020. Der Kaufvertrag ist also schon abgeschlossen, aber natürlich sehen auch die Marken ein, dass sie den Händlern entgegenkommen müssen.

Die Lieferkette darf nicht zum Stillstand kommen

Konkret bieten Bekleidungshersteller wie Marc O’Polo zum Beispiel an, die Auslieferung der aktuellen Vororder bis 23. April 2020 zu stoppen, danach starten die Auslieferungen mit dem ausgesetzten April-Liefertermin und einer zusätzlichen Zahlungsfrist von 30 Tagen.

Rich & Royal geht noch ein Stück weiter und bietet die kostenlose Stornierung der Juni-Kollektion an, um Händlern Raum zu verschaffen, Artikel zu verkaufen. Dazu kommt, dass Warenauslieferungen für März, April und Mai erst dann stattfinden, wenn die Geschäfte wieder öffnen. Er habe in den vergangenen vier Tagen mit seiner Finanzabteilung Tag und Nacht gerechnet bis klar war, dass dieses Entgegenkommen machbar wäre, sagte Patrick Stupp, Inhaber von Rich & Royal am Freitag. Durch die Stornierung der Juni-Kollektion wird auch er auf einigen Kosten sitzen bleiben.

“Jeder muss seinen Gürtel enger schnallen und Opfer bringen”, sagte Stupp. “Wenn der Händler die Kette stoppt, dann geht es auch bei den Brands und deren Lieferanten nicht mehr weiter. Wir dürfen die Kette nicht stoppen, der Fluss muss weitergehen”.

Manche Marken und Händler haben den finanziellen Spielraum zum Entgegenkommen, andere aber kaum nach einem bereits schwierigen Vorjahr. Denn bereits jetzt sei klar, dass am Ende der Frühjahr/Sommer-Saison hohe Verluste und viele Insolvenzen stehen, weil die aktuelle Ware nicht mehr verkauft werden kann, heißt es vom BTE. „Die gesamte Textil- und Modebranche muss daher bereits jetzt Vorkehrungen treffen, damit die Chance besteht, dass Handel und Industrie im zweiten Halbjahr wieder in halbwegs ruhiges Fahrwasser geraten“, sagte BTE-Präsident Steffen Jost.

Auch Patrick Stupp denkt bereits an das zweite Halbjahr. Denn nach den Schließungen und Notfallplänen von dieser Woche, müssen Händler wieder langsam an die Geschäftseröffnung denken. Die Warenversorgung könnte sich bis dahin verändern und es sei auch noch unklar, wie die Endverbraucher dann reagieren werden. Vieles könnte nicht mehr so sein wie es heute einmal war, sagte er.

Bis dahin empfiehlt BTE-Sprecher Axel Augustin “reden, reden, reden”. Das wollen auch die Verbände in den kommenden Tagen verstärkt tun, sagte er am Freitag.

Mieten

Ein großer Kostenblock sind auch die Mieten. „Vermieter dürfen die Coronakrise nicht ignorieren und weiter ihre üblichen Mieten verlangen“, forderte BTE-Präsident Steffen Jost und warnt vor Leerständen. Bisher hat die deutsche Bundesregierung sich noch nicht zum Thema Mieten geäußert. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte beispielsweise bedürftigen kleineren und mittelständischen Unternehmen Mieterlässe in Aussicht gestellt.

Der Einkaufscenter-Betreiber ECE kann selbst nicht über unterstützende Maßnahmen entscheiden, aber das Unternehmen stehe im engen Austausch mit den Eigentümern seiner etwa 195 Shoppingzentren, sagte ein Sprecher am Freitag per E-Mail. ECE versuche nun die Betriebskosten in den Centern kurzfristig auf das notwendige Minimum zu reduzieren, um die Nebenkosten für die Mieter zu senken und sie so bei den laufenden Kosten zu entlasten. Beleuchtung und Klimaanlagen werden beispielsweise reduziert.

“Wir verstehen die berechtigten Sorgen der Mieter sehr gut, da sie natürlich ganz besonders stark von den aktuellen Beschränkungen im Einzelhandel betroffen sind”, sagte der ECE-Sprecher. “Wir können die genauen Auswirkungen für den Handel aktuell noch nicht bewerten, insbesondere da noch nicht klar ist, wie lange die Schließungen andauern werden.”

Andere Betreiber von Einkaufszentren haben bereits Mieterlässe angekündigt. Dazu gehören die Ingka Centres, die zu demselben Mutterkonzern wie das schwedische Möbelhaus Ikea gehören. Das Unternehmen setzt nun Mieten in all seinen 44 Shopping-Centern in China, Europa und Russland aus. Die Dauer der Mieterlässe richtet sich nach den behördlichen Regelungen des jeweiligen Landes, teilte ein Sprecher von Ingka Centres am Samstag mit.

“Wir haben uns verpflichtet, diese schwierige Zeit gemeinsam mit unseren Partnern durchzustehen, und der Verzicht auf die Miete ist für uns eine Möglichkeit, sie zu unterstützen”, sagte der Sprecher per Email.

Bild: Chris Panas | Pexels

 

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