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9 Fragen an Gerry-Weber-CEO Angelika Schindler-Obenhaus

Von Weixin Zha

27. Juli 2022

Business |CEO-Interview

Geschäftsführerin Angelika Schindler-Obenhaus. Bild: Gerry Weber

Das Bekleidungsunternehmen Gerry Weber will seine Kollektionen verjüngen und für jüngere Frauen schmackhafter machen. Im Düsseldorfer Showroom wird das in den Kollektionen für Frühjahr/Sommer 2023 schon sichtbar.

Neben neuen Materialitäten ist auch viel Farbe in den Kollektionen zu sehen – kräftige Rot- und Pinktöne begrüßten die Besuchenden gleich am Eingang. Bei der Plus-Size-Linie Samoon wird zum ersten Mal das volldigitale Ordern getestet. Es ist also viel los bei Gerry Weber. Wie laufen die Geschäfte derzeit und was sind die Erwartungen für SS23? Darüber sprach Geschäftsführerin Angelika Schindler-Obenhaus im Interview am Sonntag.

1. Wie erleben Sie zur Zeit die Konsumstimmung? Gerry Weber betreibt ja sowohl eigene Geschäfte, E-Commerce als auch Wholesale.

Angelika Schindler-Obenhaus: Man merkt schon, dass die Endverbraucher:innen etwas verunsichert sind. Auch die Händler:innen fragen, wenn wir jetzt bei der Order sind, wie wir den Herbst/Winter einschätzen. Alle haben etwas Angst vor Herbst/Winter, was durch die Berichterstattung in den Medien verstärkt wird. Trotzdem überwiegt der Optimismus, wenn man am Ende mit allen spricht. Wir haben ja keine Glaskugel.

2. Und wie läuft es im eigenen Retail?

Im Retail sehen wir auf der einen Seite großen Nachholbedarf bei Kundinnen – was Anlässe angeht, sie wollen sich wieder schön anziehen. Auf der anderen Seite sehen wir bei einigen Kundinnen eine leichte Kaufzurückhaltung.

Als der Krieg in der Ukraine begann, haben wir im eigenen E-Commerce – wie alle anderen auch – gemerkt, dass die Zahlen nicht nur nach oben gehen. Das spricht auch dafür, dass die Konsument:innen durch solche Ereignisse verunsichert werden. Das hat sich nach einiger Zeit wieder gelegt.

Bild: Gerry Weber FS23

3. Was verkauft sich gerade gut?

Anlass, und der Anzug kommt zurück. Kleider sind ein Riesen-Thema. Diese Zeit der Hoodies und Sweats ist vorbei. Wir haben sie noch, aber verkaufen sie wenig. Es geht vielmehr Richtung Suiting, Kleider – schöne Dinge. Aber auch immer so, dass ich sie mit einem hohen Schuh festlich tragen kann oder mit einem Sneaker im Alltag.

4. Welche Farben laufen gut?

Neutrale Farbtöne, wie Sand und Schwarz, aber auch stark Rot. (deutet auf die Kollektion der Hauptlinie Gerry Weber im Showroom) Gelb läuft bei Taifun super, aber daneben auch Schwarz und Off-White. Die Kund:innen kaufen beides, Farbe und Nicht-Farbe. Farbe steht auch für Lebensfreude, für Leichtigkeit – ich glaube, das werden wir brauchen.

5. Nochmal zurück zum Rückgang im Online-Geschäft, wie denken Sie, dass es hier weitergeht?

Wir denken, dass es eine leichte Delle war. Insgesamt wird das Wachstum beim E-Commerce langsamer werden, aber es wird weiter wachsen. Die Kund:innen werden in Zukunft hybrid bleiben, sowohl stationär als auch online kaufen. Aber insgesamt hat das Online-Geschäft noch großes Potenzial. Experten prognostizieren bis 2030 50 Prozent Online-Umsatz.

Bild: Gerry Weber FS23

6. Wie sehen Ihre Erwartungen für die Orderrunde SS23 im Vergleich zum Vorjahr aus?

Die Liefertermine Januar, Februar, März verkaufen wir gerade und glauben, dass es eine richtig gute Order wird. Zumindest deuten die bisherigen Anzeichen darauf hin.

7. Wachsen Sie dabei im deutschsprachigen Raum oder eher international?

Ich glaube, dass Deutschland wieder aufholt, aber international wachsen wir trotzdem stärker. Wir sind ja in 70 Ländern. Wir haben hier Kund:innen aus Chile, Kanada und Australien, die alle nach zwei Jahren zum ersten Mal wieder gekommen sind, da bekommt man Gänsehaut.

Es gibt wenig deutsche Modefirmen, die so international aufgestellt sind. Deswegen bin ich manchmal auch stolz darauf, dass wir es geschafft haben, uns international so zu etablieren. Heute Morgen war eine Kundin aus Kuwait da, die sagte, dass wir ihre stärkste Marke seien.

Bild: Taifun SS23

8. Gerry Weber war auch in Russland und der Ukraine aktiv. Wie gehen Sie heute mit dem Geschäft in den Ländern um?

Wir haben sehr stark abgewägt. Wir haben in der Ukraine 18 Partnerstores. Am Freitag hatten wir auch eine ukrainische Partnerin hier zu Besuch gehabt. Sie hatte in Charkiw einen Store, sie hat alles verloren und geht von Charkiw nach Kyiv um einen neuen Store zu eröffnen. Das ist wahnsinnig, ich bewundere die Menschen, was sie für eine Kraft haben. Da unterstützen wir sie auch.

Wir liefern weiter nach Russland. Wir haben keine eigenen Retail-Stores, nur Franchise- und Partnerstores. Wir haben uns dort die ganzen Eigentümerstrukturen angesehen und das sind alles mittelständische Familien, mit denen wir teilweise über 20, 25 Jahre zusammenarbeiten. Die beliefern wir – Stand heute – weiter.

Das war eine Entscheidung, die wir im Vorstand und Aufsichtsrat diskutiert haben und die uns nicht leicht gefallen ist. Wir müssen uns kommendes Jahr refinanzieren und dafür ist Russland mit 6 Prozent Umsatzanteil eigentlich zu groß, dass wir es einfach aufgeben könnten, aus Verantwortung gegenüber allen Mitarbeiter:innen.

Bild: Gerry Weber FS23

9. Planen Sie angesichts der anhaltenden Lieferketten-Probleme wieder näher an Europa zu produzieren?

Näher an Europa, ist auch in der Türkei, wo wir auch ein Büro haben. Aber die Türkei ist gerade total “overloaded”, weil natürlich alle wieder versuchen in die Türkei zu kommen. Wir stellen auch fest, dass wir in Osteuropa wieder etwas machen können, weil die Länder hier sehr gut Konfektion können. Tunesien ist auch eines der Länder, wo wir versuchen etwas aufzubauen. Es kann auch nicht jedes Land alles, da müssen wir schauen, dass wir die Risiken etwas breiter streuen.

Angelika Schindler-Obenhaus
GERRY WEBER